Planenschlitzer

aus SecuPedia, der Plattform für Sicherheits-Informationen

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Die Tatbegehungsweise (Modus Operandi) "Planeschlitzen" macht seit Jahren in der Logistigkette den europäischen Transportunternehmen große Probleme. Die "Planenschlitzer" gehen nach einer Studie des Bundesamtes für Güterverkehr (BAG) fast immer nach demselben Schema vor. Das Entdeckungsrisiko ist vergleichsweise gering.

Im Rahmen der Fortschreibung des Aktionsplans Güterverkehr und Logistik hat das Bundesministerium für Verkehr und digitale Infrastruktur (BMVI), die Problematik zunehmend organisierter Diebstähle von Ladung aus Lkw, von kompletten Ladungsträgern und von Treibstoff aus Lkw aufgegriffen.

Im Landeskriminalamt (LKA) Sachsen-Anhalt wurde 2018 zur besseren Bekämpfung von Ladungsdiebstahl und Planenschlitzen die neue Projektgruppe „Cargo“ gegründet [1]. Nächster Schritt auf politischer Ebene war im Oktober 2018 eine Bitte der Verkehrsministerkonferenz an die ständige Konferenz der Innenminister und -senatoren sowie die der Justizminister, sich mit dem Thema "Maßnahmen gegen Ladungsdiebstahl im Straßengüterkraftverkehr" zu befassen. Zwischen den Verkehrs-, Innen- und Justizressorts abgestimmte gemeinsame Handlungsstrategien sollen die Arbeit der Projektgruppe "Cargo" auf der politischen Ebene begleiten[2].


Tatörtlichkeiten

Tatorte sind ungesicherte Autohöfe, Tank- und Rastanlagen, Parkplätze sowie Gewerbegebiete an bundesdeutschen Autobahnen und Bundesstraßen. Dort parken Lkw zur Einhaltung der Ruhe- und Nachtzeiten oder stehen nach Beladung zum Weitertransport bereit. Aufgrund des hohen Lkw-Verkehrsaufkommen reichen zur Einhaltung der Ruhezeiten gesicherte Autohöfe nicht aus. Besonders häufig schlagen die "Planenschlitzer" auf Park- und Rastplätzen an der Nord-Süd-Autobahn A7 und der West-Ost-Verbindung A 2, sowie der A4, A44 und A6 zu.


Vorgehensweise/Tatausführung

Angegriffener LKW-Auflieger (Bild: Kreispolizeibehörde Soest/Presseportal/Blaulicht)
Zunächst kundschaften die Täter zur Nachtzeit Lastwagen auf Autobahnparkplätzen oder Autohöfen aus. Tatziele sind Lkw (einschließlich Auflieger und Anhänger) mit seitlichen Kunststoffplanen. Gelegentlich werden auch plombierte Hecktüren aufgebrochen. Mit einem Kleinlaster, der bevorzugt eine seitliche Schiebetür hat, fahren die Täter dann an die abgestellten Wagen heran. Sie schneiden einen kleinen Schlitz in die Plane und begutachten die Fracht. Häufig wird im Halbkreis (Halbmond) geschnitten. Durch die Öffnung wird die Ladung zunächst besichtigt. Ist sie uninteressant oder sind die Ladeflächen leer, lassen die Täter von der Tat ab.

Erscheint die Beute attraktiv, erweitert der nächste große Schnitt das Loch zur Einstiegsluke und die Ladung wird blitzschnell umgeladen und abtransportiert.

Zur Tatausführung werden nach Angaben des BAG neben "Teppichmessern" auch Stirnlampen und neuerdings vermehrt auch Endoskope eingesetzt, wie sie zum Beispiel in der Medizin bei Operationen verwendet werden.

Die Lastwagenfahrer bekommen nach Angaben des BAG von den Diebstählen häufig nichts mit. Die Täter kommen, wenn die Fahrer schlafen. Zudem ist der Lärmpegel auf Parkplätzen laut BAG recht hoch.


Täterstruktur

Nach einer Auswertung der ASW Norddeutschland handelt es sich bei diesem Deliktsfeld um "importierte Kriminalität" aus Osteuropa. Nach den bisher getätigten Festnahmen handelt es sich ausschließlich um osteuropäische Männer, die in Bandenstrukturen (mindestens drei Täter pro Tat) zwecks Tatbegehung in die BRD kurzfristig einreisen und nach Tatbeendigung mit dem Diebesgut wieder ausreisen. Fachleute der Polizei und Detektivunternehmen weisen auf Erkenntnisse hin, dass diese Form der Kriminalität dem Bereich der organisierten Kriminalität ethnischer Clans in Osteuropa (einschl. Balkan) zuzuordnen ist. Die ausführenden Täter sind als "Handlanger" in der untersten Stufe der Bandenstruktur einzuordnen. Die Führung dieser Täter erfolgt per Mobilfunk. Selbst bei Gerichtsverhandlungen werden die Auftraggeber nicht preisgegeben.

In Einzelfällen sind Täter selbst als Fernfahrer unterwegs und ruinieren die Planen ihrer Kollegen, um sich in den Besitz fremder Ladung zu bringen[3]

Entwendete Güter

Bei ihren Beutezügen nehmen die Diebe alles mit, was verwertbar erscheint: elektronische Geräte, Kosmetikartikel, Bekleidung, Spielzeug, Autoreifen, Elektrofahrräder und Nahrungsmittel. Im Zusammenhang mit den "Planenschlitzern" und ihren Taten stehen auch Diebstähle von Dieselkraftstoffen aus den Zugmaschinen.

Der wirtschaftliche Schaden liegt laut einer "Marktbeobachtung Güterverkehr" des BAG allein beim Ladungsdiebstahl bei über 300 Mio. Euro pro Jahr. Europaweit liegt der Schaden bei über 8 Mrd. Euro. Hinzu kommen Fahrzeugkomplett- und Dieseldiebstähle. Der Verkauf der Beute ist gut organisiert. Die gestohlenen Waren werden häufig zeitnah über den Tätern bekannte Hehlerstrukturen abgesetzt oder die Taten erfolgen auf Bestellung, wobei die Täter Kenntnis von den Frachtpapieren hatten.


Statistik

Eine bundesweite Erhebung durch die Polizei in der Kriminalstatistik mittels PKS-Meldung erfolgt nicht. Für Deutschland geht man pro Jahr von mind. 7.000 Taten aus. Die Dunkelziffer ist mutmaßlich sehr hoch, Versuche werden nur zum Teil der Polizei angezeigt. Seit 2017 werden im Rahmen von operativen Maßnahmen Autohöfe und Rastplätze verstärkt bestreift und regionale Kooperationen zwischen Polizei, Autohofbetreibern, Verbänden und Transportunternehmen geschlossen[4].


Erhöhung der Sicherheit in der Transportlogistik

Als Antwort auf die kriminelle Arbeitsweise wurden Sicherungssysteme entwickelt, die innen auf die Plane aufgebracht werden. Sie erschweren einerseits durch Kevlar-Verstärkung das Schlitzen und lösen andererseits bei Schnittversuchen an der Plane oder Öffnungsversuchen an Hecktüren Alarm aus (örtlich und/oder per SMS oder E-Mail). Die Alarmsysteme sind dank eigener Stromversorgung auch bei Wechselbrücken einsetzbar.

Wirtschaftsverbände haben eine gemeinsame Initiative gestartet: Die „Arbeitsgemeinschaft Diebstahlprävention in Güterverkehr und Logistik“ will die Sicherheit der Transportlogistik insbesondere durch höhere Sicherheitsstandards und Investitionen in Ortungstechnik, Diebstahlwarnanlagen, Wegfahrsperren und gesicherte Parkplätze erhöhen. [5]

Einzelnachweis

  1. SecuPedia Aktuell: ASW-Newsletter Sicherheitspolitik KW 11-18
  2. Pressemitteilung der ASW Norddeutschland: Durchbruch für Projektgruppe Cargo auf politischer Ebene
  3. SecuPedia Aktuell: Kollegen als Planenschlitzer
  4. SecuPedia Aktuell: Kooperationsbereinbarung zwischen Polizei und Transportunternehmen
  5. SecuPedia Aktuell: Diebe stehlen Waren im Wert von 1,3 Milliarden Euro aus LKWs



Diese Seite wurde zuletzt am 18. April 2019 um 14:18 Uhr von Peter Hohl geändert. Basierend auf der Arbeit von Doris Porwitzki und Klaus Kapinos.