Besondere Aufbauorganisation (BAO)

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Die "Besondere Aufbauorganisation" (BAO) kennt man auch als "Sonderkommission" (SoKo). Die Bezeichnung Soko wird im allgemeinen Sprachgebrauch jedoch hauptsächlich im Zusammenhang mit der Kriminalitätsbekämpfung verwendet.

Besonderheiten

Eine "Besondere Aufbauorganisation" (BAO) arbeitet in der Regel zeitlich begrenzt, wenn polizeiliche Lagen besonders komplex sind. Beispiele dafür sind:

  • Terroranschlag
  • Amoklage
  • Entführungsfall
  • Großveranstaltungen
  • Ausbruch gefährlicher Straftäter aus Haftanstalt
  • Katastrophenfall
  • Mordserie
  • Bekämpfung eines kriminalpolizeilichen Deliktsfelds
  • Lagen wie beim G-20-Gipfel 2017 in Hamburg.

Beispielsweise wird bei der Polizei Hamburg nach Auslösung des "Terroralarmplanes" für jeden Anschlagsort temporär eine BAO aufgestellt. Nach heutigem Stand haben sich Polizeiführer der Bundesländer sowie der Bundespolizei und des BKA auf Aufgabenbereiche der Einsatzabschnitte spezialisiert und werden daher bei Großlagen in der Bundesrepublik eingesetzt. Dadurch wird die Qualität und Professionalität der polizeilichen Führungsarbeit gesteigert.

Die Einrichtung einer BAO ist erforderlich, wenn eine Lage durch die Allgemeine Alltagsorganisation (AAO, täglicher Dienst) wegen des

  • erhöhten Kräftebedarfs bzw. der erforderlichen Konzentration von Kräften oder Führungs- und Einsatzmittel,
  • der Bedarfs- oder Einsatzdauer,
  • der notwendigen einheitlichen Führung, insbesondere bei verschiedenen Zuständigkeiten

nicht bewältigt werden kann.

Begriffserklärung

Eine BAO ist wie eine AAO nach dem Modell des Stab-Linien-Systems aufgebaut (PDV 100: Anlage 6) und setzt sich aus drei wesentlichen Elementen zusammen:

  1. Die Kompetenz zur Gestaltung einer BAO liegt bei dem für den Einsatz verantwortlichen Polizeiführer, welcher an der Spitze der Organisation Entscheidungen fällt und Aufträge erteilt.
  2. Hinzu kommt der Führungsstab, der den Polizeiführer berät, zuarbeitet und ihm Entscheidungshilfen präsentiert, Arbeitsabläufe protokolliert und
  3. die Einsatzabschnitte, die Teilaufgaben der 'Einsatzbewältigung' erfüllen; dazu zählen unter anderem: Technik, Logistik, Aufklärung, Objekt- und Personenschutz, Begleitung von Demonstrationszügen, Verhandlungsgruppe, Öffentlichkeitsarbeit usw.

Ziele

Ziel einer BAO ist die koordinierte Bearbeitung sehr umfangreicher Gefahrenlagen oder Sachverhalte unter Einbindung aller betroffenen Behörden. Die BAO ist hinsichtlich Art, Umfang und Intensität der Maßnahmen sowohl für Sofortlagen als auch für Zeitlagen anlassbezogen vorzubereiten. Bei Sofortlagen entwickelt sich die BAO schrittweise und aufbauend auf den Sofortmaßnahmen der AAO. Bisher in den Einsatz eingebundene Kräfte und Kräfte mit besonderer Orts- und Sachkenntnis sollen grundsätzlich integriert werden. Die BAO ist so lange und in dem Umfang aufrechtzuerhalten, wie dies zur Lagebewältigung erforderlich ist. Die Aufhebung der BAO ist den eingesetzten Kräften unverzüglich mitzuteilen. Einige wenige BAO bestehen für mehrere Jahre.

Entwickelt sich eine BAO in mehreren Phasen, insbesondere bei Sofortlagen, sind jederzeit klare Führungsverhältnisse zu gewährleisten. Die eingesetzten Kräfte müssen jederzeit wissen, wer Weisungen im konkreten Einsatz erteilen darf.

Die BAO umfasst neben dem Polizeiführer den Führungsstab/die Führungsgruppe und die Einsatzabschnitte (EA). Diese Grundelemente müssen vorliegen, um von einer BAO sprechen zu können.

Einsatzabschnitte

Die Einsatzabschnitte können raumbezogen, objektbezogen oder verrichtungsorientiert gegliedert werden.

Raumbezogene Einsatzabschnitte

Raumbezogene EA sind geeignet, wenn verschiedene taktische Maßnahmen in einem festgelegten Raum durchzuführen sind und eine einheitliche Führung in diesem EA sinnvoll ist.

Objektbezogene Einsatzabschnitte

Objektbezogene EA sind geeignet, wenn sich verschiedene taktische Maßnahmen an stationären oder mobilen Objekten konzentrieren und eine einheitliche Führung sinnvoll ist. Vorteile einer raum-/objektbezogenen Gliederung sind insbesondere

  • die Möglichkeit der Führung durch Auftragstaktik,
  • flexible polizeiliche Reaktionen im Raum auf Lageentwicklungen,
  • die Entlastung des Kommunikationsnetzes sowie
  • die geringe Ausstrahlung von Schwachstellen auf andere EA.

Ein Nachteil kann in einer Tendenz zur Verselbstständigung der Einsatzabschnitte zulasten einer einheitlichen Führung des Einsatzes liegen.

Verrichtungsorientierte Einsatzabschnitte

Verrichtungsorientierte EA sind geeignet, wenn Spezialeinheiten, Spezialkräfte, Einheiten für besondere Aufgaben oder besondere FEM zur Aufgabenerfüllung erforderlich sind oder Querschnittsaufgaben wie z.B. die Versorgung der Kräfte geleistet werden sollen.

Vorteile einer verrichtungsorientierten Gliederung sind insbesondere die starke Spezialisierung und die hohe Routine der Einsatzabschnittsführer und der Kräfte sowie die Möglichkeit der schnellen Verlagerung des Schwerpunktes innerhalb des Einsatzraumes.

Nachteile sind insbesondere ein hoher Koordinations- und Entscheidungsbedarf durch den Polizeiführer, die Belastung des Kommunikationsnetzes, eine geringe Flexibilität sowie ggf. eine starke Ausstrahlung von Schwachstellen auf die Gesamtorganisation. Querschnittsaufgaben sollen regelmäßig in Einsatzabschnitten zusammengefasst werden

Mischgliederung

Die Mischgliederung, d.h. die Bildung von EA nach unterschiedlichen Kriterien, nutzt die Vorteile und vermeidet die Nachteile der Gliederung nach einem Kriterium. Da mehrere EA in einem Raum zuständig sind, besteht die Gefahr der doppelten Aufgabenwahrnehmung. Daher sind Nahtstellenproblemen durch eindeutige Abgrenzung des Raumes und der Aufgaben oder durch ablauforganisatorische Regelungen entgegenzuwirken.

Gliederungstiefe der BAO

Es ist möglichst eine geringe Gliederungstiefe anzustreben. Die Vorteile sind insbesondere

  • eine kleine Führungsspanne,
  • weniger Koordinationsaufwand,
  • eine gute Kontrolle der nachgeordneten Ebene sowie
  • eine geringere Belastung der Vorgesetzten durch Entscheidungsbedarf.

Die Nachteile sind insbesondere lange Anordnungs- und Informationswege, die Dezentralisierung von Entscheidungen sowie eine Vielzahl von Nahtstellen.

Die Vorteile einer hohen Gliederungsbreite und geringen Gliederungstiefe sind insbesondere

  • kurze Entscheidungswege,
  • kurze Anordnungs- und Informationswege sowie
  • flache Hierarchieebenen.

Die Nachteile liegen

  • in größeren Informations- und Koordinationsaufwänden,
  • einer größeren Führungsspanne sowie
  • einem höherem Entscheidungsbedarf durch den Polizeiführer.

Die Gliederungsbreite soll 7 bis 9 EA grundsätzlich nicht übersteigen. Sie kann überschritten werden, soweit der Polizeiführer

  • Führungsorgane zu seiner Unterstützung einsetzt,
  • geringen Führungs- und Koordinierungsaufwand zu erwarten hat,
  • mit Auftragstaktik führt,
  • EA mit zeitversetztem Auftrag führt,
  • EA mit ausschließlich organisatorischen bzw. logistischen Aufgaben vorsieht.

Rechtsgrundlagen

Rechtsgrunlagen sind

  • Katastrophenschutzgesetz
  • Polizeigesetze der Bundesländer (Gesetze über die öffentliche Sicherheit und Ordnung)
  • Bundespolizeigesetz
  • Rettungsdienstgesetz
  • BKA-Gesetz
  • Polizeidienstvorschriften (PDV)
  • Gesetze über die Datenverarbeitung der Polizei

Quelle: http://www.vdpolizei.de/shop/out/pdf/leseprobe/100957.pdf.



Diese Seite wurde zuletzt am 14. April 2018 um 20:51 Uhr von Peter Hohl geändert. Basierend auf der Arbeit von Klaus Kapinos.